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kath 2:30 Dies DominiFrühlingsanfang. Die Natur zeigt, was sie kann. Das Leben blüht, bricht auf, explodiert gerade zu. Frühlingsanfang ist, wenn Tag und Nacht gleich sind – das Äquinoktium. Licht und Dunkelheit halten sich die Waage. In dieser Jahreszeit ist gewiss, dass das Licht siegen wird. Das Leben wird gewinnen! Frühlingsanfang halt.

Manche Zeitgenossen erinnern in diesen Tagen die eigene Kindheit. Mit der wärmenden Sonne begann die Saison, in der man wieder draußen spielen, balgen und laufen konnte. Waren das noch Zeiten, als man einfach nach draußen gehen konnte, und nicht wusste, was noch passieren würde. Wo es keine durchgeplante Tagesstruktur gab, wartete das Abenteuer das Lebens. Waren das noch Zeiten. So viel Freiheit! Bevor es dunkel wurde, musste man dann wieder zu Hause sein. Waschen, Abendessen, vielleicht noch das Sandmännchen und dann um 20.00 Uhr – noch vor der Tagesschau! – ab ins Bett. Die Eltern hatten halt das Sagen. Die Freiheit war begrenzt. Die Verantwortung hatten die Eltern. Deshalb bestimmten sie letzten Endes auch, was wann zu tun war. Das Paradies hatte immer schon einen Zaun – oder waren es Gitter?

Wer weiß, wie die Geschichte über unsere Gegenwart urteilen wird, in denen Versprechen eher Versprecher sind, das gesprochene Wort schnell ein gebrochenes ist, Verbündete die Seiten wechseln, Freunde zu Feinden werden und die augenscheinlich Starken vor den Augen der Weltöffentlichkeit über die vermeintlich Schwachen herfallen. Vielen im verwöhnten Westen wird immer klarer, dass die paradiesischen Zeiten vorbei sind. Es sind nicht nur die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, im Sudan, Äthiopien oder Myanmar, die aufschrecken und verstören. Das Abschlachten, Schänden und Verstümmeln offenbaren eine Fähigkeit der Menschen zum Bösen, die allzu viele lieber ausblenden wollen. Kann man mit solchen Tätern wirklich verhandeln? Worüber will man da reden? Selbst Glaubende verzweifeln in solchen Zeiten, in denen man sich das Leben nicht mehr schön reden kann, an Gott: Wo bleibt denn der Trost der ganzen Welt? Warum greift er nicht ein? Warum lässt er das Böse zu?

Man muss nicht die großen Reflexionen über die Banalität des Bösen von Hannah Arendt oder die komplexen Gedanken Immanuel Kants über das „radikal Böse“ als anthropologische Konstante kennen, um zu verstehen, dass das Böse darin besteht, einem anderen bewusst Leid zuzufügen. Das kommt nicht aus Gott; es kommt aus dem Menschen. Wollte Gott das Böse vernichten, würde sich die Frage stellen, welcher Mensch so wenig böse wäre, dass er gerettet würde. Tatsächlich findet sich in der Bibel eine Erzählung, was geschieht, wenn Gott eingreift, um das Böse von der Welt zu tilgen: Der Arche-Noah-Mythos erzählt von der Sintflut, die nichts mehr übrig lässt. Nur Noah, der Gerechte, wird mit seiner Familie gerettet. In ihr liegt der Keim für die Wiedererstehung des Bösen, wenn Noahs Sohn Ham sich über die Nacktheit des betrunkenen Vaters lustig macht. Selbst Gott kann das Böse nicht tilgen, weil es zur menschlichen Freiheit gehört.

„Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.“ (Gen 9,11)

– mit diesen Worten hat er sich an das Leben gebunden.

Wenn Gott also das Böse nicht von der Welt tilgen kann, ohne die Welt selbst auszulöschen, dann ist der Mensch auf sich selbst gestellt. Er ist zum Bösen, aber auch zum Guten fähig. Das Gute ist da, wo der Mensch seine eigenen Interessen zugunsten der Interessen anderer opfert. Kann das wahr werden? Was glauben Sie denn?

Als der Mensch endlich erwachsen wurde und den vergitterten Pardiesesgarten der verantwortungslosen Kindheit verließ, war er auf sich allein gestellt. Der Mensch muss sein Leben selbst in die Hand nehmen. Seitdem liegt es an jeder und jedem Einzelnen von uns, sich für das Böse oder das Gute zu entscheiden. Es liegt nun an uns, ob wir wieder Autoritäten wählen, die uns sagen, wann wir ins Bett zu gehen haben, oder ob wir ein Leben in Freiheit suchen. Letzteres werden wir nur gewinnen, wenn wir dem Bösen widerstehen – auch wenn es uns Opfer abverlangt. Billiger ist das Leben nicht zu haben. Das Äquinoktium ist unentschieden. Bei dem einen kommt der Winter. Jetzt aber ist Frühlingsanfang. Wir sollten jetzt mit Gottes Hilfe das Leben wählen!

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 21. März 2025.

Author: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

1 Kommentar

  1. kirsten arns schrieb am 21. März 2025 um 23:48 :

    sehr – sehr – sehr gelungen . Danke . Die Arche Geschichte wühlt jetzt so n bisschen in mir . Bin da leider nicht so eingebunden . Mein Sohn hat auch den Namen Noah . Mit der Arche Geschichte muss ich mal genau schauen . Danke für die vielen Anregungen . LG

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